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Heute schon Gesicht gezeigt?

Zum Abriss vorgesehen...

war der Stadtteil Äussere Neustadt in der DDR. Zu diesem Zeitpunkt wohnten dort Menschen, die nicht viel Geld für Mieten ausgeben konnten, Menschen aus "einkommensschwächeren Schichten",besonders auch Künstler_Innen und junge Menschen. Zum Teil besetzten sie die Häuser, an denen keineR mehr Interesse hatte. Für viele diente dies damals als Mittel um in der Äusseren Neustadt eine unkommerzielle Infrastruktur zu etablieren. Das Desinteresse der Stadtverwaltung an diesem Viertel während der Nachwendezeit bot die besten Voraussetzungen für die Entwicklung wirklich alternativer Lebensstile, sowie den Raum für Jugendliche Subkulturen und eine selbstorganisierte, unkommerzielle Infrastruktur aus Kneipen, Clubs, Ateliers und Infoläden.

Der dadurch entstandene bunte Charakter des Viertels machte es jedoch bald auch für die kommerzielle Verwertung interessant. Immer mehr Bars, Kneipen und Geschäfte wollten ihr Stück vom Kuchen "Szeneviertel Neustadt" - das Viertel verbürgerlichte stetig.

Und jetzt?

Ihren Charakter als linkes Hausbesetzer_Innenviertel hat die Neustadt längst verloren. Das Flair des "Besonderen" ausnutzend, siedeln sich heute immer noblere Kneipen an - "Erlebniswelt Neustadt". "Alternativ" ist buntes Partyleben, Tourismus, Szeneviertel... Alternativ bietet keinen Raum mehr für Lebensformen, die nicht in die gesellschaftliche Norm passen.

"Szeneviertel Neustadt"

Trotzdem ist die Neustadt weiterhin der Lebensmittelpunkt für viele Subkulturen, Migrant_Innen, Linke, Künstler_Innen und Lebensformen ausserhalb der gesellschaftlichen Norm.

Wo sollten sie denn auch hin? Wo können sie angstfrei leben? Bietet Dresden Alternativen?

Doch das frühere "Abrissviertel" ist heute auch für einkommensstärkere Schichten interessant, und deren Bedürfnisse sind massgebend. Manche Menschen stören jetzt schon durch blosse Anwesenheit das Bild der Partymeile. Orte, an denen sich beispielsweise Punker_Innen, Migrant_Innen oder Obdachlose aufhalten, gelten als gefährliche Orte. Die auf "Sicherheit" fixierten öffentlichen Diskurse wollen sie kontrollieren und normieren.

Und deshalb...

werden aus öffentlichen Räumen Rückzugsmöglichkeiten entfernt, Ecken grell ausgeleuchtet, Sitzgelegenheiten entfernt, Kameras oder Atrappen aufgestellt, verstärkte Polizeipräsenz angefordert. Deshalb wurden die Bänke bei der Scheune entfernt. Deshalb wurde ein Ultraschallhochtongerät in der Tiefgarage der Alaunstrasse 9 angebracht, was durch seine hohen Töne die Punker_Innen und deren Hunde vertreiben sollte. Und deshalb ist auch das mit der Videoüberwachung

...nix Neues.

Schon 2002 hatte der damalige Innenminister Hadrath Pläne, die Neustadt videoüberwachen zu lassen. Damals in enger Zusammenarbeit mit der Immobilienbesitzer_Innenvereinigung "Haus & Grund e.V.". Im Herbst 2006 wurden diese Pläne von dem jetzigen Innenminister Buttolo erneut herausgeholt. Auch nach vier Jahren ist "Haus & Grund e.V." wieder mit grossem Interesse und Planungseifer dabei.

Wie jetzt?

Kameras, die auch bei Dunkelheit entsprechend detailreiche und beweisfähige Bilder machen, benötigen eine Gesichtserkennungssoftware, die bis heute nicht ausreichend funktioniert, und schnell zu blenden ist. Wer ein normales Basecape trägt, ist meist auf den Bildern nicht zu erkennen. Kameraüberwachung ist offensichtlich nicht dazu geeignet und gedacht, "Verbrechen" zu bekämpfen und "StraftäterInnen" zu stellen.

Und wieso dann...?

Doch öffentlich normierte und kontrollierte Räume machen Abweichungen sichtbar, diese wiederum werden sanktioniert - Räume ohne Abweichungen werden geschaffen. An videoüberwachten Orten ist es nicht mehr möglich, zu wissen, wer wann beobachtet wird. Sich beobachtet fühlen und nichts zu verbergen haben wird selbst zu normalem Verhalten.

Kameraüberwachung vermag also vielmehr flächendeckend das Verhalten der Menschen zu normieren. "Verbrechen" und andere nicht "normale" Verhaltensweisen werden räumlich anderswohin verschoben. Dorthin, wo mensch noch unbeobachtet ist.

Deshalb

...sprechen wir uns gegen eine Überwachung von öffentlichen Räumen, wie Bahnhöfen, Einkaufszentren oder der Äusseren Neustadt durch Kameras aus. Wir solidarisieren uns mit den von der geplanten Überwachung in der Äusseren Neustadt Betroffenen. Mit jenen, welche sich an diesen Orten aufhalten, Zeit verbringen und leben wollen. Gleichzeitig distanzieren wir uns jedoch von sich ebenfalls dort herumdrückenden Neonazis und RassistInnen.

Wir wehren uns gegen eine gesellschaftliche Vorstellung der Norm zu der Ausschliessungen gehören und diese ein "Fehler des Individuums" sind. Wir bestehen auf das Recht auf Abweichung. Wir fordern ein Ende der Verdrängung von Menschen durch architektonische, stadtplanerische, ausgrenzende und kontrollierende Methoden.


anna nühm

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